Doch zurück zum Anfang. Die von "Der Läufer" organisierte Reise war einfach super! Vom Flug bis zum Luxushotel ganz in der Nähe des Ziels klappe alles bestens. Paul, mein Vater, und ich standen denn auch mit 13'000 Gleichgesinnten pünktlich am Start vor dem Reichstag. Eine solche Masse Läufer: - das müsste doch ein Riesenpuff geben!" Doch keine Spur von Hektik, kein Gerempel, keine schlechten Launen, alles wartete friedlich auf den Startschuss ............4. – 3 – 2 – 1 zählten die Teilnehmer und schickten sich selber auf die Fussreise durch Berlin. 42'195 Meter Berlinerpflaster durch sieben Bezirke.
Gemeinsam rannten Paul und ich durch die sechsspurige Strasse des 17. Juni Richtung Siegessäule. Es lief hervorragend, schon nach kurzer Zeit konnten wir "unser" Tempo traben. Quer ging's durch den Tiergarten am Zoo vorbei und zur grossen Einkaufsbummelstrasse, dem Kurfürstendamm. Rechts das Cafe Kranzler; auf der gegenüberliegenden Strassenseite wehten die Zielfahnen. Aber noch waren es 34 Kilometer bis dahin.
Mein Querstadtein führte nun durch Berliner Wohnquartier, an einer Kirche vorbei. Orgeltöne rauschten durch das weit geöffnete Kirchenportal und der Pfarrer stand mit zwei Nonnen eifrig klatschend am Strassenrand. Die nächsten Meter führten direkt der Mauer entlang. Ein schneller Blick nach Osten zum "Checkpoint Charlie" und weiter ging's im Laufschritt durch neue Wohnviertel. Riesige Menschenmengen applaudierten, riefen, spornten an. Hier in Berlin erhält der Letzte den gleichen Applaus wie der Erste. Für die Berliner ist der Marathon ein Volksfest. Sie feuern die Läufer mit den ausgefallensten Lärminstrumenten an, muntern die Müden auf und klatschen den Langsamen und Schnellen gleichermassen zu. Zwei Dutzend grössere und kleinere Musikkappellen halten die Stimmung aufrecht. An unzähligen Verpflegungsstätten werden, Tee, Joghurt, Isostar und nasse Schwämme verteilt. Schätzungsweise 5oo'ooo Berliner helfen den Läufern buchstäblich immer wieder auf die Beine!
Für mich war bis jetzt alles hervorragend gelaufen. Die letzten zwölf Kilometer hoffte ich, sollten nicht mehr schlimm sein. Das Kap der Guten Hoffnung war passiert. Theoretisch wusste ich: Der "Mann mit dem Hammer" kommt bestimmt. Für mich stand er bei Kilometer 34 am Strassenrand. Meine Beine wurden schwerer und schwerer. Das Atmen bereitet Mühe. Die Umstellung auf Fettverbrennung kostet mich viel Kraft, ich musste Paul ziehen lassen.
"Ab hier die Sau rauslassen" heisst es auf dem Streckenplan bei Kilometer 35,5. Ich trabte über den Platz am Wilden Eber und verschob das "Saurauslassen" auf später. Mir war nicht danach zumute. Beim nächsten Verpflegungsposten nahm ich mir ein wenig Zeit und versorgte mich mit viel Wasser, einer halben Banane und ein wenig Isostar. Nun mobilisierte ich alle Energiereserven und nahm die letzten Kilometer in Angriff. Von den immer stärker werdenden Anfeuerungsrufen der Zuschauer wurden wir förmlich ins Ziel getragen.
Endlich geschafft! Die Strapazen der 42,195 Kilometer vergessen. Glück und Erschöpfung mischten sich zu einem wunderbaren Hochgefühl. Mein nächster Marathon kommt bestimmt!